Eklat beim Deutschen Buchhandlungspreis 2025: Was passiert ist – und was jetzt folgt
Der Deutsche Buchhandlungspreis steht seit Jahren für etwas, das uns besonders am Herzen liegt: die Förderung von Kultur, Vielfalt und unabhängiger Buchhandelsarbeit. Ausgezeichnet werden Buchhandlungen, die sich über das reine Verkaufen von Büchern hinaus engagieren – mit Veranstaltungen, Literaturvermittlung und einem klaren kulturellen Auftrag.
Die Auswahl der Preisträger:innen erfolgt dabei durch eine unabhängige Jury. Dieses Verfahren hat sich bewährt und galt bislang als verlässliche Grundlage für eine faire und fachlich fundierte Entscheidung. Auch wir durften uns im vergangenen Jahr über diese Auszeichnung freuen – ein Moment, auf den wir nach wie vor sehr stolz sind.
Umso größer ist die Irritation über die Ereignisse rund um den Buchhandlungspreis 2025.
Was genau ist passiert?
In diesem Jahr wurden die Nominierungen wie gewohnt durch die Jury erarbeitet. Doch im Anschluss kam es zu einem ungewöhnlichen und viel kritisierten Eingriff: Drei von der Jury vorgeschlagene Buchhandlungen wurden nachträglich ausgeschlossen.
Die Entscheidung ging vom amtierenden Kulturstaatsminister Wolfram Weimer aus. Berichten zufolge wurden im Vorfeld alle nominierten Buchhandlungen einer Prüfung unterzogen. Die drei betroffenen Buchhandlungen – Golden Shop (Bremen), Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin) – sollen im sogenannten „Haber-Verfahren“ aufgefallen sein, bei dem der Verfassungsschutz eingeschaltet wird. Konkrete Vorwürfe oder transparente Kriterien wurden jedoch nicht öffentlich gemacht.
Besonders problematisch: Die betroffenen Buchhandlungen hatten offenbar keine Möglichkeit, Stellung zu beziehen oder auf die Vorwürfe zu reagieren. Und die Absage-Mail, die sie erhielten, erklärte schlicht, die unabhängige Jury habe sie nicht ausgewählt, was die Jury selbst später öffentlich dementierte.
Reaktionen aus der Branche
Die Entscheidung hat in der Buchbranche für erhebliches Aufsehen gesorgt. Viele sehen darin einen Eingriff in die Unabhängigkeit der Jury und eine Gefährdung der Grundidee des Preises.
Auch auf der Leipziger Buchmesse kam es zu Protesten. Dort sollte ursprünglich die Preisverleihung stattfinden. Weimer wurde bei seiner Eröffnungsrede ausgebuht. Die geplante Verleihung des Buchhandlungspreises sowie weitere Veranstaltungen wurden daraufhin abgesagt, lediglich die offizielle Eröffnung fand statt.
Unser Kollege Korbinian war in Leipzig dabei und wurde dort von der Tagesschau interviewt. Seine Worte treffen das, was viele in der Branche empfinden:
„Herr Weimers Vorgehen ist nicht tragbar und seines Amtes unwürdig. Die Anwendung des Haber-Verfahrens ist unangebracht. Das ist ein Angriff auf alle Buchhandlungen.“
Aktuelle Entwicklungen: Klagen, Gericht und Solidarität
Die Auseinandersetzung hat inzwischen auch eine juristische Dimension. Alle drei ausgeschlossenen Buchhandlungen haben rechtliche Schritte eingeleitet. Im Zentrum steht unter anderem die Frage, ob das Haber-Verfahren überhaupt eine ausreichende gesetzliche Grundlage hat. Verfassungsrechtler bezweifeln das öffentlich – das Bundesverfassungsschutzgesetz schreibt vor, dass die Weitergabe von Geheimdienstinformationen an andere Behörden nur in ausdrücklich aufgezählten Fällen zulässig ist. Die Prämierung von Kulturbuchhandlungen gehört nicht dazu.
Parallel wächst die öffentliche Solidarität: Eine Petition für Weimers Rücktritt hat inzwischen (Stand April 2026) mehr als 130.000 Unterschriften gesammelt. Acht Bundesländer haben sich gegen den Einsatz des Haber-Verfahrens in der Kulturförderung ausgesprochen. Und das Crowdfunding „Lesen Hilft!“ unterstützt die drei Buchhandlungen beim Rechtsstreit und ihrer öffentlichen Arbeit.
Warum das Thema so wichtig ist
Unabhängige Buchhandlungen leisten einen entscheidenden Beitrag zur kulturellen Vielfalt. Sie schaffen Räume für Austausch, Diskussion und Literatur abseits von Bestsellerlisten und Algorithmen.
Damit diese Arbeit gewürdigt werden kann, braucht es transparente und unabhängige Strukturen, gerade bei Auszeichnungen wie dem Deutschen Buchhandlungspreis. Wenn in diese Prozesse eingegriffen wird, betrifft das nicht nur einzelne Buchhandlungen, sondern die gesamte Branche – und letztlich alle, die Buchhandlungen als kulturelle Orte schätzen.
Viele fragen sich daher aktuell:
- Wie unabhängig kann die Jury in Zukunft noch arbeiten?
- Welche Kriterien gelten wirklich?
- Und welche Signale sendet das an engagierte Buchhändler:innen?
Unsere Haltung
Wir freuen uns weiterhin für alle nominierten und ausgezeichneten Buchhandlungen – und stehen gleichzeitig solidarisch an der Seite derjenigen, die von den aktuellen Entscheidungen betroffen sind.
Für uns ist klar: Eine lebendige Buchkultur braucht Vielfalt, Offenheit und faire Rahmenbedingungen.
Was Du tun kannst
Das Wichtigste, was Du für unabhängige Buchhandlungen tun kannst, ist naheliegend: Kauf Deine Bücher dort. Nicht weil es immer das Bequemste ist, sondern weil Du damit aktiv dazu beiträgst, dass diese Orte bestehen bleiben. Orte, an denen Menschen statt Algorithmen empfehlen, diskutiert wird anstatt gescrollt und Bücher kuratiert werden statt sie nur zu verkaufen.
Wenn Du in Mülheim an der Ruhr oder im Ruhrgebiet bist: Du bist bei uns herzlich willkommen. Wenn nicht: Such Dir Deine lokale Lieblingsbuchhandlung – und geh einfach rein.
👉 Und wer die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen direkt unterstützen möchte, findet das Crowdfunding unter lesen-hilft.org.






